Kritik: „The Rocky Horror Show" im Deutschen Theater München

Dritter Review vom 10. März 2015

Eben kommen Dominik und ich aus dem (neuen!) Deutschen Theater. Mein nun 4. Besuch der Tournee-Produktion von BB Promotion, die seit 2008 durch Europa tourt.

Wer meine Review von meinem ersten Besuch liest (siehe unten), der wird nun sagen: „Ja ja, erst jammern, aber dann immer wieder reingehen!“

Ja ja ja. So ist es. Rocky Horror übt einfach eine Magie auf mich aus, der ich mich nicht widersetzen kann. Fast so, als würde Frank N Furter seinen Sonic Transducer einschalten und was weiß ich mit mir machen ;-)


So, aber nun zurück zu dem heutigen Abend. 

Es ist unglaublich: seit über 6 Jahren steht Rob Morton Fowler in der Paraderolle, die Tim Curry 1973/75 weltbekannt gemacht hat, auf der Tournee-Bühne. Und was soll ich sagen: Empfand ich ihn beim ersten Mal als klassische Fehlbesetzung, so war ich heut schlichtweg sprachlos. Es ist unglaublich, wie viele neue Facetten er in der Rolle gefunden hat, und seine stimmliche Leistung war mehr als Broadway-reif. Wenn man seine Performance aus den vergangenen Jahren auf Youtube verfolgt, dann hat das nichts mit dem zu tun, was er heute dem Münchner Publikum präsentiert hat. Nuancierter Gesang, Rockröhre, tief berührende Balladen - der Mann kann es einfach.


Auch eine gute Entscheidung vom Creative Team: sie haben sowohl das Make-up als auch die Frank-Perücke etwas „derber“ gestaltet. So hat sein Frank nun etwas sehr diabolisches und fast schon ekliges. Die Perücke erinnerte mich dezent an die Hochsteckfrisur von Gary Oldman in „Bram Stoker’s Dracula“, nur in Hübsch. Das Makeup wirkte deutlich übertriebener, überzeichneter, so als ob Frank N Furter eine bröckelnde Fassade auf Biegen und Brechen aufrecht erhalten wollte.

Im Gegensatz zur Vorstellung von damals verstand es Fowler heute, das Publikum zum Toben zu bringen und forderte es einige Male auf zu trampeln, johlen, schreien. Der Saal bebte. Ich hatte nahezu Angst, dass das mühsam und langwierig renovierte Theater gleich wieder in sich zusammenbrach - diesmal ohne Dachstuhl-Brand…


Ein alter Bekannter auf der Besetzungsliste war Riff Raff-Darsteller Stuart Matthew Price. „The Voice“ nenne ich ihn nur. Seine stimmlichen Qualitäten konnte er in seinen Soli („There’s a light“ und „Time Warp“ sowie extrem eindringlich in „Prepare the Transit Beeeeeeeeeam!“) unter Beweis stellen. Er ist ein Gewinn, und im Kontext der Handlung ein absolut ebenbürtiger Widersacher für Frank N Furter. Auch wenn Riff bekanntermaßen sich mehr im Hintergrund aufhält - lurking in the Dark - so ist dieser Riff Raff kein Butler, sondern ein Strippenzieher, Conferencier, Wahnsinniger und abgeklärter Psychopath.


Brad und Janet waren in dieser Vorstellung die mit Abstand jüngsten Darsteller, die ich je in diesen Rollen gesehen habe: Harriet Bunton und David Ribi (der wirklich aussah, als wäre er direkt von der High School auf die Bühne gehüpft) waren eine absolute Idealbesetzung. Ribi wirkte bei seinem Heiratsantrag so dermaßen unbeholfen, dass man ihn sofort in sein Herz schließen musste, und Fräulein Bunton ließ spätestens bei der „I can make you a man“-Reprise durchscheinen, dass ihre Libido schon seit langem anklopfte und unbedingt raus wollte. Eine selbstbewusste, junge Frau, die auch ganz genau weiß, wie sie einen Hormon gesteuerten Rocky (heiss!!! : Vincent Gray) um den Finger wickelt. Stimmlich überzeugte sie auf der ganzen Linie. David Ribi war unter den Darstellern der vielleicht schwächste Sänger, konnte aber bei seinem Solo „Once in a While“ die Rampensau rauslassen und berühren. 


Hat mich 2009 das unkoordinierte Rumlaufen auf der Bühne - sprich: eine mir völlig schleierhafte Personenregie - ziemlich irritiert, so muss ich nun sagen: auch Regisseur Sam Buntrock hat dazugelernt und die Show deutlich stringenter inszeniert sowie viele Schwachstellen ausgemerzt. 

Beispiel Brad und Janet: nach dem Sex mit Frank bzw. Janets Stelldichein mit Rocky sieht man dem frisch verlobten Paar nun deutlich an, dass die jungfräuliche Beziehung ziemlich aus den Fugen geraten ist. Der bubihafte Ribi, dem sein nahezu kindliches Aussehen hier wirklich zugute kommt, steht seine Enttäuschung und Ohnmacht ins Gesicht geschrieben.

Als Frank erschossen wird und Rocky sich trauernd auf seinen Schöpfer stürzt, ruft im Hintergrund Brad seine Verlobte zu sich, und sie eröffnen einen Nebenkriegsschauplatz: er geigt ihr (stumm, aber via Gestik und Mimik sehr eindrucksvoll) die Meinung, was sie aber auch nicht auf sich sitzen lässt. Wer da ein paar Sekunden zuschaut, der ahnt, dass Brad und Janet’s Leben nach dieser Nacht definitiv eine andere Richtung einschlagen wird. Nämlich eine getrennte.


Die Überraschung des Abends war, wieder einmal, die Rolle der Columbia. Was Hanna Cadec aus dieser Figur macht, ist schier der Wahnsinn. Klar, ihre Stimme ist zu schrill um sie auf Dauer zu ertragen, aber zum ersten Mal habe ich tatsächlich durch ihre Präsenz und Handlungen verstanden, warum Columbia überhaupt auf Frankenstein Place abhängt.

Der Drogen- und Alkoholmissbrauch zeigte sich in jeder Faser ihres Auftritts. Nicht nur hing sie wieder an der Flasche und torkelte bei „Once in a While“ über die Bühne, auch ihre Solo-Show-Einlage nach „You’re a Hot Dog“, wenn Sie Frank ihr Herz ausschüttet, machte sie zu einem Highlight. Cadec präsentiert einen Groupie, der nach einer exzessiven Schloss-Party, auf die sie wahrscheinlich ihr (jetzt halb bis ganz toter) Exfreund Eddie mitgeschleppt hat, den Absprung nicht geschafft hat und mittlerweile zum Inventar gehört. Magenta (heute: Amy Webb) und Riff Raff kontrollieren sie mit ihren Alien-Fähigkeiten wie eine Marionette - sie kommt nicht mehr aus.


Würde ich die Show in dieser Besetzung noch einmal sehen, mein Hauptaugenmerk läge wohl den ganzen Abend über auf Brad, Janet und Columbia. Sind es doch diese drei Figuren, die eine wirklich tragische Entwicklung durchmachen. Danke an die Regie, dass hier noch nachgearbeitet wurde.


Was das Sound- und Lichtdesign sowie die Filmelemente angeht, kann ich nur Positives berichten. Die Band spielt Weltklasse, es ist mehr Rockkonzert als Musical, der Sound fliegt einem um die Ohren. Das Licht ist sehr stimmungsvoll und zaubert mit den Filmeinspielungen eine spannende Atmosphäre.


Auch wenn ich nicht sonderlich euphorisch das Theater betreten habe… spätestens bei den ersten Tönen von „Science Fiction Double Feature“ hatte ich zugegebenermaßen Tränen in den Augen und eine wohlige Gänsehaut.


The Rocky Horror Show hat sich vor 23 Jahren tief in mein Herz gegraben und bringt jedes Mal etwas in mir zu Klingen. Vielleicht ist es dieses kleine „Don’t Dream it - Be it“, vielleicht ist es dieses vielversprechende „I’m gonna give ya some terrible thrills - like a Science Fiction Double Feature“. Vielleicht ist es dieses YOLO, das Richard O’Brien in die Welt hinaus singen lässt… Abend für Abend. Und wenn ich einmal alt bin, wenn ich „on the Planet’s Face“ krieche… dann werde ich im Geiste den „Time Warp“ vollziehen und an einen dieser wundervollen Abende zurückkehren, an dem ich mit Glücks- und Freudentränen in den Augen da saß und die Worte vernahm: „Michael Renee was ill, the Day the Earth stood still“.


Danke, Richard. 

YOLO, Bitches!



2011

 

Zweite Review vom 13.10.2011

Dank einer großzügigen Spenderin kam ich an Freikarten für die Show und werde deshalb heute Abend nochmal reingehen!

Ich gestehe, dass ich mich sehr darüber freu, denn Rocky Horror ist es eigentlich immer wert. Vielleicht kann ich es heute einfach bei Weitem besser genießen, weil ich ja schon was, was mich an Show erwartet. Die Machart dieser Inszenierung ist ja auch gut, nur das Versprechen “Back to the Roots” wurde einfach nicht eingehalten.

Let`s do the Time Warp again! ;-)


Leider fällt mir heute (10.3.2015) auf, dass die Review irgendwie verschollen ist… seltsam! Ich hoffe, ich finde sie in den Untiefen des Internets wieder!! In Kürze. Bei meinem 2. Besuch war ich in der Tat von der Show begeistert, denn ich wusste ja, was mich erwartet.


 

2010


Achtung:

Vom 11. bis 22. Oktober gastiert die Produktion wieder im Deutschen Theater München. Aufgrund der großen Nachfrage wurden nun Zusatztermine im März vereinbart.

Ich werde nicht hingehen, obwohl ich ein großer Rocky Horror-Fan bin.

Dieser Bericht bezieht sich auf die 2009-Version dieser Produktion. Der Bericht stammt vom 8. März 2009. Soviel ich weiß, wurde das Konzept/die Show nicht im Geringsten verringert. 

Auf der Besetzungseite gibt es neue Gesichter (Rob Fowler spielt weiterhin den Frank N Furter, Kerry Winter ist auch in diesem Jahr wieder als Columbia zu sehen. Leider musste die grandiose Maria Franzén die Show verlassen.)



Erste Review vom 09. März 2009

It was great when it all began….

Ja, gestern Abend (8.3.2009) war es endlich soweit!


Nach der West End Tour (1996 – 2006) war die Kultshow von Richard O’Brien für Deutschland gesperrt. Warum? Der Autor und Ur-RiffRaff war mit den Fassungen, die heutzutage gespielt wurden, nicht mehr zufrieden. Sie kopierten den Film und vergaßen, was die Show ursprünglich zu bieten hatte: 

Pure Rock-Musik, eine brillante, urkomische Story, die aber eigentlich nur funktioniert, wenn sie wirklich von den Darstellern ernst gespielt wird. Pures Theater, reduziert auf ein Minimum an Kulisse und Requisiten. Mit dem Film (“The Rocky Horror Picture Show”, 1973) war keiner der damals Beteiligten wirklich glücklich, viele distanzieren sich bis heute davon (u.a. der Ur-Frank N Furter Tim Curry). Das Tempo des Films war zu langsam, die Orchestrierung der Songs weit entfernt vom Original, es wurden Songs gestrichen bzw. gekürzt (“There’s a light” und “Superheroes” wurden gekürzt, Brad`s Song “Once in a while” fehlt im Film komplett), und die Verfilmung weist inhaltlich und filmische Fehler auf, die von unsauberem Handwerk zeugen.


Egal. 

Der Film wurde Kult, die Show auch. Soweit, so gut. Bis heute werfen Fans Reis, machen sich mit Wasserpistolen nass, Feuerzeuge werden gezündet, Dr. Scott wird ausgebuht, und Frank wartet auf ein “Say it!” zwischen “Antici….” und “…pation!”. Ohne diese Cues, diese Beteiligung der Zuschauer, ist “Rocky Horror” nicht das, wie wir es kennen. 

Und doch hat sich ein Team gefunden, das sich Richard O’Briens ursprünglicher Idee annehmen und die Show einerseits “Back to the Roots”, andererseits in neue Jahrtausend bringen sollte. Der britische Regisseur Sam Buntrock, bekannt durch seine Londoner Inszenierung von Sondheim`s “Sunday in the Park with George”, das einige Preise gewonnen hat, wurde verpflichtet, die Show zu entrümpeln und dem Publikum neu zu präsentieren. 

In meinen Augen ist das absolut missglückt.


Nicht, dass man mich falsch versteht, die Show an sich, die seit dem 31.10.2008 durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tut, ist handwerklich, gesanglich und schauspielerisch sauber. Aber alles drum herum funktioniert nicht. 

Wenn man das Deutsche Theater in München betritt, wird man sofort mit Merchandising zugemüllt, klar. Das gehört dazu, das soll so sein. Nett, dass man die Utensilien, die Fans seit 30 Jahren bei jeder Show, beim Film brauchen (Reis, Klopapier, Wasserpistolen etc..) für 9 EUR im stylischen “Rocky Horror”-Bag kaufen kann. Dumm nur, wenn die Regie im Stück keinerlei Raum lässt, diese auch anständig einzusetzen. Weder die Schauspieler, noch die Band, gibt dem Publikum die Möglichkeit, die Partyhüte aufzusetzen, das Konfetti zu werfen, die Klopapierrollen durch die Luft zu schmeissen, weil die Cues, die “Stichworte” schlichtweg fehlen. 

Rocky wird nicht aus seinen Bandagen ausgewickelt, die “Geburtstagsfeier” für Rocky aus dem Film gibt es nicht mehr.


Auch wird jegliche Interaktion zwischen Publikum und Bühne unterbunden bzw. von Seiten der Darsteller ignoriert. Kein einziger Zwischenruf wird erwidert, kein Ausbuhen des Dr. Scotts sorgt für Gelächter auf der Bühne. Frank N Furter-Darsteller Rob Morton Fowler (gut, aber leider sehr im Schatten von Tim Curry) ist mehr Mann als Transe, was der Inszenierung gut tut, aber er bzw. FRANK ist NICHT MEHR der Star des Stücks. Das ist mittlerweile Riff Raff (brillante Stimme und Präsenz: Stuart Matthew Price) und auch Magenta (tolle Darstellung, leider von der Technik verlassen: Maria Franzén).


Die Darsteller werden oft von der Regie ohne Sinn über die Bühne gejagt, Frank hat es schwer, ein Profil zu entwickeln, denn obwohl im “Eddie” ein Dorn in Auge ist und er ihn im “Psycho”-Stil hinter dem Duschvorhang ersticht, schäkert er erst noch mit Magenta während “Hot Patootie”. Das ergibt keinen Sinn. Columbia (schrill, aber geile “Floor-Show”-Performance: Kerry Winter) besäuft sich auf der Bühne und zitiert aus dem verhassten Film: “You´re like a sponge…”


Überhaupt ist es seltsam, dass immer wieder Dialoge aus dem Film aufgegriffen werden, wo man doch genau diese aus der Inszenierung streichen wollte?! Auch die Tatsache, dass 1973 “Sweet Transvestite” vor dem “Time Warp” kam, wird ignoriert. Was die Inszenierung in meinen Augen interessant macht, ist der Einsatz vieler Video-Projektionen, die den filmischen Charakter der Show, die B-Movie-Elemente hervorheben. Witzige Einfälle, die Szenen gehen fließend ineinander über.


Die Musik viel viel zu laut, man versteht in den seltensten Fällen den Text der Sänger, Melodie ist oft nicht mehr zu hören. Das Ende der Show, die Heimreise des Raumschiffes, ist ohrenbetäubend, wenn auch gut gemacht. Aber danach war meine Sitznachbarin definitiv taub.


Ich für meinen Teil wurde sehr enttäuscht. Jaa, die Show ist gut gemacht, die Sänger sind super, die Personen-Regie unmotiviert. Aber für mich als Fan, der sich viel mit der Show und deren Werdegang beschäftigt hat, war es ein Schlag ins Gesicht.


Liebes Creative-Team: “Back to the Roots” ist was anderes. Und angeblich hat Richard O`Brien selbst bei der Entstehung dieser Fassung mitgewirkt. Kein Kommentar hierzu.


Was mir den Rest gegeben hat: Verlässt man nach 2,5 Stunden den Theatersaal, halb taub, wird man im Foyer mit dem Original-Film-Soundtrack (!!!!) zugedröhnt! Habe ich da was nicht verstanden?!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0