Film-Rezension: "Love Life" - "Mitten ins Gesicht" der Buchvorlage

Im Oktober 2012 habe ich erfahren, dass eines meiner Lieblingsbücher, “Mitten ins Gesicht"

von Kluun unter dem Titel “Love Life" verfilmt wurde und im deutschen Kino lief.


Via Lovefilm habe ich mir nun den Film geholt und gestern Abend angeschaut.


Ganz ehrlich? Der Film traf mich wirklich “mitten ins Gesicht”. Aber extrem negativ.


Was haben sich die Macher dabei gedacht?

Das Buch erzählt aus Sicht des Protagonisten das letzte Jahr des Lebens seiner unheilbar krebskranken Frau, und wie die Krankheit die Ehe belastet. Er stürzt sich ins Amsterdamer Partyleben, geht fremd, sucht sich eine Affaire… um Trost zu finden, um seinen Schmerz zu ertragen.

Die beiden trennen sich, raufen sich wieder zusammen, und halten sich an das Kredo “Bis dass der Tod uns scheidet”.

Man kann Stijns Gefühle und Handlungen zu einem gewissen Grad nachvollziehen, man ist “live” dabei in seiner Gefühlswelt.

Der Film hingegen ist aufgebaut wie ein schlechter Rosamunde Pilcher-Streifen, hält sich nur wage ans Buch und zeigt eine “Lieb mich, verlass mich, ich hass Dich, lieb mich”-Story, die vor Kitsch nur so trieft.

Und das Schlimmste: weder Stijn noch Carmen (die krebskranke Ehefrau) kommen dabei sonderlich sympathisch rüber. Man leidet kaum mit ihr, und ihn kann man vom ersten Moment an eigentlich nur hassen.

Es wird eine emotionale Schranke zwischen Film und Zuschauer aufgebaut, die erst gegen Ende - in etwa die letzten 15 Min - einreisst.

Und als ich endlich gehofft hatte, dass die Verfilmung nun doch noch den Hut vor dem Buch zieht (Stichwort: Schuhe), haben die Macher auch hier wieder voll in die Kitschkiste gegriffen und den wunderbaren, tieftraurigen, mit Hoffnung gestärkten Schluss zu einem Schmalzkino umfunktioniert.


Ja, der Film traf mich wirklich mitten ins Gesicht. Und in die Magengrube.


Unverständlich auch, warum sie so einen beschissen Titel für den internationalen Markt vergeben haben. “Love Life”?

Wir erinnern uns: der original Buchtitel lautet: „Komt een vrouw bij de doktor” (“Eine Frau geht zum Arzt”).

Das beschreibt das Buch absolut treffend, umemotional, kühl und “klinisch”. Der deutsche Buchtitel beschreibt ist zwar plakativer, aber trifft gut auf die Gefühlswelt des Protagonisten zu.


Der Filmtitel suggeriert hingegen genau das, was man bekommt: Kitsch und Tränendrüsen-Vergewaltigung - wenn man das Buch nicht kennt.


Meine Empfehlung: lesen statt schauen.


Ich bin entsetzt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0