Besprechung: "Orlando" mit Katrin Wunderlich

Gestern, am 11. Juli 2012, wurden wir Zeuge einer Geburt.
Wir, Zeit- und Augenzeugen eines Kraftaktes, der uns, die Zuschauer, durch 7 Epochen der englischen Historie hindurchschleuderte, mitten in das Leben und Nicht-Leben eines Menschen namens Orlando. 

Wir wurden Zeugen einer Geburt, und das in vielerlei Hinsicht:

Es war die Premiere von Orlando, einer Theateradaption des bekannten Romans von Virginia Woolf. Gleichzeitig Höhepunkt einer kreativen Symbiose zwischen Regisseurin Jana Jeworreck und Schauspielerin Katrin Wunderlich. Und die Geburt des Romans "Orlando", geschrieben von Katrin Orlando Wunderlich.

 

Virginia Woolfs Roman galt lange Zeit aufgrund des Stoffes als unverfilmbar, wurde aber 1992 mit Tilda Swinton in der Hauptrolle unter der Regie von Sally Potter auf die Leinwand gebracht.
Nun hat das Theater andere Mittel, sich einer Geschichte zu nähern als die Filmindustrie.
Was Jana Jeworreck aus ihrer Schauspielerin/Performerin Katrin Wunderlich in dieser Tour de Force herausgekitzelt hat, ist im wahrsten Sinne des Wortes wunderlich; besser noch: wunderbar.
Diese One Woman Performance schafft es, die Zuschauer in knapp 100 Minuten auf eine Zeitreise zu entführen, die in keiner Sekunde langatmig oder langweilig wird. Ob Katrin Wunderlich als Biograph mit sich und ihren Worten ringt, sich in Orlando verwandelt, um mit seiner Geliebten Sascha auf der gefrorenen Themse herumzuschlittern, als Frau erwachend sich plötzlich mit dem "Frau-Sein" auseinandersetzen muss und am Ende feststellt, dass jeder von uns Anwesenden ein Teil von "Orlando" ist, denn immerhin waren wir Zeuge von all diesen Persönlichkeiten, die sich am Ende zu einem "ich" verdichten... all das wird mit einer Kraft und viel Humor zu einem einzigartigem Erlebnispäckchen zusammengebracht und dem Zuschauer überreicht.
Mit einfachsten Theatermitteln und multifunktionellem Bühnenbild wird uns eine Welt vor Augen geführt, die wir dank der Wandelbarkeit von Katrin und der klugen, einfühlsamen Regie von Jana immer annehmen können.

Sei es die russische Geliebte, die dargestellt wird von einer... nein, man darf es nicht verraten!
Denn genau das macht den Reiz dieser Orlando-Inszenierung aus.

Wer den Stoff kennt, wird sich fragen, wie um alles in der Welt kann man das mit nur einer einzigen Person auf die Bühne bringen.
Es geht!

Für alle, die (wie ich zu Beginn des Projektes) keine Ahnung haben, wovon Orlando eigentlich handelt, hier die Zusammenfassung: 

 

Die Geschichte des jungen Adeligen Orlando beginnt Mitte des 16. Jahrhunderts. Er steht in der Gunst von Königin Elisabeth I. und wird von ihr hofiert. Nach deren Todverliebt er sich in die moskowitische Prinzessin Sascha, doch diese verlässt ihn schmählich und Orlando fällt in einen siebentägigen Schlaf. Wieder erwacht, lebt er viele Jahre zurückgezogen und widmet sich der Poesie. Doch der Schriftsteller Nick Greene verhöhnt Orlandos poetische Versuche und dieser beschließt, nie mehr zu schreiben und das Land zu verlassen. Unter König Charles II. wird Orlando als Gesandter nach Konstantinopel geschickt, fällt mitten im türkischen Aufstand wiederin einen sieben Tage andauernden Schlaf, aus dem er als Frau erwacht. Die weibliche Orlando kehrt nach England zurück, sucht Abenteuer und Gesellschaft und muss sich mit dem Hochmut der Geistreichen des 18. Jahrhunderts auseinandersetzen. Schließlich lernt sie einen Abenteurer kennen, verliebt sich und heiratet ihn. In trauter Zweisamkeit verbringen sie das 19. Jahrhundert. In der Gegenwart wird Orlando auf einen Schlag mit den verschiedenen Identitäten als Mann und Frau konfrontiert und versucht diese zahlreichen Persönlichkeiten in Einklang zu bringen.

 

Eine Menge Stoff, eine Unzahl an Charakteren und Schauplätzen.

Und doch braucht man dafür nichts als die Kraft des Theaters, um all das zu erleben.

Katrin Wunderlich und Jana Jeworreck machen es möglich.

 

Orlando ist eine schillernde Ode an das Theater, an die Macht der eigenen Vorstellungskraft und an das Schriftstellertum.


Chapeau.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Henning Clewing (Donnerstag, 03 Oktober 2013 22:24)

    Ich komme gerade nach Hause. Der lobenden Beschreibung oben kann ich nur beipflichten. Ein großer Abend im kleinen Theater, wie eigentlich immer im Viel Lärm um Nichts. Danke.