Die ganze Welt ist Bühne?

 

"Die ganze Welt ist Bühne, und alle Männer und Frauen bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab...", schrieb Shakespeare.

 

Wahre Worte.

Doch gilt das auch umgekehrt? Ist alles, was auf der Bühne stattfindet, real?
Gute Frage, schnelle Antwort: Nein. Wäre es real, würden der Großteil an (arbeitenden) Schauspielern nicht mehr spielen: entweder wären sie im Gefängnis wegen Mord, oder tot, da auf der Bühne ermordet.

Wenn das, was auf der Bühne stattfindet, wirklich real wäre, hätte die Bühne an sich keine Berechtigung mehr. Es wäre eine Gladiatoren-Show, ein Circus, aber keine Darstellung.
Schauspieler spiegeln Realität wider, aber aus einer Distanz heraus.

Insofern hat der Begriff "Schau-Spieler" schon seine Berechtigung. Es ist ein Spiel. Ein Spiel mit den Sinnen, mit der Realität, mit der Frage "sein oder nicht sein". 

Doch um eine wahrhaftige Darstellung des Lebens auf der Bühne zeigen zu können, ist es essentiell, dass die Darsteller wenigstens im Probenprozess die innere Haltung, das Gefühl, die Handlung einmal durch-"leben". Und somit für sie real ist. Um dann während der Vorstellung mit gewisser distanzierter Betrachtung dem Publikum die Situation "vor-spielen" zu können.

Der englische Ausdruck "actor" ist meiner Meinung nach treffender als "Schauspieler". 
Der Zuschauer kann nur dann das Gefühl haben, dass das was auf der Bühne passiert das "wahre Leben ist", wenn die Darsteller aufeinander reagieren. Aktionen zeigen. Echte Aktionen.
Wenn es im Text heisst "Julia trinkt das Gift", und die Darstellerin tut nur so, als ob sie trinken würde, es ist nicht echt, und der Zuschauer merkt es. Aktion ist angesagt.

Wenn Romeo kommt und schon beim Betreten der Gruft weiß, dass Julia tot ist, dann sieht man das. Man sieht: es ist gespielt. "Romeo" muss also die Gruft betreten und sich dann vor Ort wirklich "versichern", dass das Gerücht um den Tod seiner Geliebten stimmt. Er reagiert auf den vermeindlichen Verlust und nimmt sich das Leben. Wenn Julia erwacht, und sie weiß schon, dass Romeo tot neben ihr liegt, ist es nicht mehr "wahrhaftig". Auch sie muss schmerzlich erkennen, was eben in ihrer Bewusstlosigkeit geschehen ist, um sich dann das Schwert in die Brust zu rammen, als Reaktion auf die Situation.

To act or not to act, that is the question.

Agieren und reagieren. Nicht spielen.

Natürlich ist das Theater ein Spiel. Ein "Was Wäre Wenn". Aber um zu erfahren, wass denn wäre, wenn... muss man es erst einmal durch-leben, und dann kann man es Abend für Abend neu er-leben. 

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