Liebeserklärung an die Spontaneität

“Aufgrund einer Erkrankung übernimmt heute Abend XY die Rolle des Faust.”

 Solche Ansagen vor einer Vorstellung gibt es durchaus nicht selten. Ein Kollege erkrankt, und es wird überlegt, wer aus dem Ensemble oder welcher Gast denn einspringen könnte, damit die Vorstellung nicht ausfällt. Jeder Ausfall ist für das Theater natürlich ein Verlust. Deshalb gibt es z.B. beim Musical auch die alternierenden Besetzungen, die sich mit der Erstbesetzung eine Rolle teilen.

Sollte nun am Theater ein Schauspieler krank werden, kann ein erfahrender Kollege einspringen, natürlich mit kleinen Einschränkungen. Oft steht die Vertretung mit Textbuch auf der Bühne, aber das Publikum nimmt ihr das nicht übel.

 

Ich habe in Regensburg vor vielen Jahren “Faust” gesehen, und an diesem Abend war die Darstellerin der “Hexe” krank. Eine Kollegin stand mit Buch in der Szene, und es fiel mir fast nicht auf, so professionell war der Umgang mit dem Text.

In Landshut durfte ich eine Vorstellung von “Depeche Mode” (Uraufführung) erleben, als ein Schauspieler aufgrund eines Unfalls ausfiel. Das Stück ist eine Romanbearbeitung, schwerer Stoff, Unmengen an Text, den Oberspielleiter Markus Bartl für die Bühne adaptiert und inszeniert hat. In besagter Vorstellung stand Bartl in etlichen Rollen auf der Bühne, und es war eine grandiose Leistung.

 

Ich selbst habe 4 Jahre in einem Format gearbeitet, das nicht auf ein festes Ensemble setzt, sondern durch ein Buchungssytem die Darsteller für jede Vorstellung zusammenwürfelt. Jede Rolle ist drei- bis fünfmal besetzt, und so spielt man immer wieder mit neuen Leuten zusammen.

Da die Stücke, die dieses Format anbietet, Deutschlandweit von angeboten werden, gibt es in Frankfurt, Hamburg, Köln und München verschiedene Teams, aus denen die Besetzungen zusammengestellt werden. Durch diese Tatsache kommt es selten zu richtigen Proben, da sich nie ein komplettes Ensemble einfindet, um den Ablauf zu probieren. Demzufolge lernt man als Neueinsteiger seinen Text, schaut sich wenn möglich eine Vorstellung an, spricht mit einem Kollegen, der die gleiche Rolle spielt und schon springt man in die eigene Premiere.

Man hat natürlich die Möglichkeit, mit der Regie in Frankfurt zu probieren, aber meist reicht die Zeit nicht dazu.

 

Am Tag der Premiere trifft man so eventuell auf Kollegen, die man noch nie vorher gesehen hat, die eventuell anders spielen / leicht modifizierten Text bringen als das, was im Buch steht…und, sehr wichtig, hat es während der Vorstellung mit unwahrscheinlich vielen Situationen zu tun, die Improvisation mit dem Publikum erfordern.

Um so etwas zu leisten, braucht es eine ganze Menge Mut, Flexibilität, Spielfreude und Spontanität. Etwas, was uns Schauspielern eigentlich in jeder Sekunde unseres Berufes verfügbar sein sollte.

Eigentlich. Dummerweise verlernt man so etwas auch sehr schnell, wenn man es nicht braucht, z.B. beim Stadttheater-, Repertoirebetrieb. Doch ist es denn nicht genau das, was unseren Beruf ausmacht? Eine gewisse Portion Spontanität und Lust auf Neues? Lust auf ungewöhnliche Situationen, auf die man reagieren sollte? Wir sind Akteure, wir agieren.

Der Text gibt uns die Richtung vor, die Rolle ist schon festgelegt. Aber die Situation ist im Hier und Jetzt.

 

Wachsamkeit sowie die Fähigkeit des Zuhörens ist in diesem Beruf essentiell.  Und doch verlieren viele Kollegen diese wichtigen “Werkzeuge”. Sie schalten auf Autopilot und warten auf Stichworte.

 

Auch wenn ich mich schon oft über Unterhaltungsformate wie Dinnertheater, Comedy und Impro aufgeregt habe und es sehr genieße, einfach mal eine Vorstellung zu spielen, in der alles, wirklich alles abgesprochen und festgelegt wurde, aber der Kick, mit neuen Kollegen auf der Bühne zu stehen, spontan und gemeinsam auf Hänger, neue Wortwitze, unerwartete Reaktionen aus dem Publikum zu reagieren, das lässt mich spüren, dass ich nicht nur eine Rolle spiele, sondern lebendig bin.

Wie schön ist es doch, spontan zu sein.

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