Das kann ich nicht spielen, der Text ist schlecht

“Ne, sorry, das spiele ich nicht, der Text ist schlecht.”

 

Unter uns:Wer kann sich das heute, bei der momentanen Arbeitsmarktsituation, als Schauspieler leisten?

Wenn man nicht gerade im festen Engagement ist oder das Glück hat, in mehrere Film – und Fernsehproduktionen eingebunden zu sein, so freut man sich doch über (fast) jedes Jobangebot.

 

Leider kommt es dabei auch vor, dass ein Stück / eine (Fernseh-)Rolle angeboten wird, welche(s) auf den ersten Blick nicht viel hermacht. Man liest den Text und denkt sich: “Um Himmels Willen, das ist ja total flach. Das kann doch nicht der Ernst des Autoren sein!”.

Doch, ist es.

 

So, was macht man nun? Vertraut man auf die Fähigkeiten der Regie? Auf die eigenen Fähigkeiten? Beisst man die Zähne zusammen, sagt zu, unterschreibt den Vertrag und ärgert sich täglich bei den Proben blaue Flecken an die Magenwände, immer mit dem Mantra “Tu es für`s Geld!”.

 

Die Entscheidung ist für viele Freiberufler nicht leicht.

Es gibt diejenigen, die einfach alles annehmen, um irgendwie DEN Fuß in die Tür zu kriegen (…”Irgendjemand sieht mich dann und erkennt mein Talent, dann hagelt es die guten Aufträge, gaaanz bestimmt!!”), und es gibt diejenigen, die kategorisch einfach erstmal alles ablehnen (….”Wiee, ich spiel nicht den Faust?! Ne, also, den Valentin spiel ich nicht. Ich spiele nur Hauptrollen. Ja, ich weiß, ich komm grad frisch von der Schauspielschule, ja und?!?!”).

 

Und es gibt diejenigen, die abwägen und sagen: “Ich mach das Beste darauf und arbeite zumindest in dem Beruf, den ich gelernt habe.”

 

Irgendwann ist allerdings der Punkt erreicht, wo das auch nicht mehr befriedigend ist. Man bleibt auf der Stelle stehen, wenn man sich für “die gewissen Sachen” hergibt und einfach alles spielt, was andere abgelehnt haben.

Natürlich geht es auch ums Geld. Man muss abwägen, ob es (1.) finanziell lohnenswert ist und (2.) die eigenen Fähigkeiten fordert und einen nicht zurückwirft.

 

“Das kann ich nicht spielen, der Text ist schlecht!” ist eine Ausrede. Nahezu jeder Text ist spielbar, wenn er inszeniert wird. Es ist eine Herausforderung, sich mit dem Text auseinanderzusetzen und zu suchen, was er mir sagt, und was ich dem Publikum sagen möchte.

Im Falle von Heiner Müllers “Hamletmaschine” fragt man sich bestimmt oft im Theater, was das Ganze soll. Aber Herr Müller hat sich was dabei gedacht. Erst wenn sich der Text dem Schauspieler erschließt, kann er sich dem Publikum erschließen.

Falk Richters “Electronic City” oder Dylan Thomas`”Unter dem Milchwald” erscheinen beim reinen Lesen auch seltsam anmutend, komisch und nicht spielbar. Auf der Bühne, mit den richtigen Mitteln geht es.

 

Und im Fernsehgeschäft ist es nicht anders: klar haben Soaps, Telenovelas und diverse “Reality Shows” nicht unbedingt die oscarverdächtigsten Bücher, aber sie dienen einer Sache, und zwar der Unterhaltung. Und, noch viel mehr als auf der Bühne, ist die Aufgabe des Schauspielers, genau das zu bedienen.

 

Wenn ich für eine Szene, in der ich gefühlte fünfzehn Mal bestätige “Ich liebe Madelene aber von ganzem Herzen und heirate sie, obwohl sie die Zwillingsschwester meiner Cousine 5. Grades ist und das uneheliche Kind von Onkel Konrad und meiner besten Freundin Heidi aka Tante Heidi!“, meine 1000 EUR Tagesgage bekomme, dann ist der Text für mich spielbar.

 

Und wenn ich noch einmal von einem Regisseur höre: “Das Stück ist scheisse, das kann man einfach nicht inszenieren!”, dann beisse ich die Zähne zusammen, hole tief Luft, suche mir die Bögen für meine Figur und denke an das Geld.

 

Andere Meinungen herzlich willkommen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0