Applaus, Applaus

Die Bühne wird dunkel, die letzten Worte der Schauspieler verklingen. Der Vorhang schließt sich.Es entsteht eine kurze, andächtige Pause, und dann kommt das Unvermeidliche: der Schlussapplaus.

Die Schauspieler treten aus ihren Rollen, formieren sich und treten vor das Publikum, um den Dank für ihre Mühen zu empfangen. Das Geklatsche der Zuschauer huldigt der Darstellung.

Anschließend gehen die Leute vergnügt/angeregt/nachdenklich/verärgert/beschwingt nach Hause, und die Schauspieler freuen sich, dass sie am Abend wieder so gut gespielt haben/ dass der Applaus heute aber ziemlich mies war, das Publikum nicht so gut war wie am Abend zuvor.

 

Stop.

 

So ist es vielleicht heutzutage, und wer von uns Schauspielern gibt nicht insgeheim zu, dass er sich über den Applaus freut oder ärgert, es als persönliche Ehrung oder Dankesbekundung von Seiten der Zuschauer gerne annimmt.

Doch woher kommt der Applaus? Der Ursprung liegt sehr weit zurück und war Teil einer strengen Theaterform. Wie die Art zu Sprechen, die Bewegung auf der Bühne gehört der Schlussapplaus zu einer Form, die das Theater definiert.

 

“People sitting in the dark, watching other people standing in the light” ist Jerome Brêls Definition von Theater, kurz, einfach, treffend. Die Zuschauer sitzen unten im Dunkeln, die Schauspieler und ihre Rollen stehen auf der Bühne im Licht. Dadurch wird eine Grenze gezogen. Hell und dunkel, oben und unten, Zuschauer und Darsteller.

Theater funktioniert nur durch das gegenseitige Annehmen dieser Aufteilung. Sowohl Zuschauer als auch Schauspieler lassen sich auf diese Situation ein, und werden so zu einer Einheit. Wie durch Magie, die nicht gestört werden darf. Macht man z.B. plötzlich aus Versehen das Licht im Zuschauerraum an, wird diese stille Vereinbarung gebrochen und die Magie ist dahin. Das Gleiche gilt für akustische Störungen. (Stichwort: Husten im Theater. Klingelnde Handys).

 

Wenn man genau hinsieht, war z.B. zu Zeiten Shakespeares im Stück selbst der Aufruf zum Applaus, zum Beifall verankert.

So sind die letzten Worte Pucks im “Sommernachtstraum”: "Nun gute Nacht! Das Spiel zu enden, begrüßt uns mit gewognen Händen!”. Er wendet sich dabei ans Publikum und spricht die Zuschauer damit direkt an. Puck fordert sie auf, mit dem Beifall den gemeinsam erlebten Traum zu beenden, es wird vom Ende eines Spiels gesprochen.

Schauspieler haben in ihren Rollen eben einen (Sommernachts-)Traum erlebt, die anwesenden Zuschauer durch die Darstellung bedingt waren Teil des Traums.

Um das Band zwischen Darstellung und Realität zu lösen, müssen sie nun klatschen, den “Traum abschütteln.”

 

In Shakespeares “Der Sturm” spricht Prospero in seinem Epilog folgende Worte: "Lasst mich nicht (…) durch euren Bann auf dieser öden Isel hausen, sondern befreit mich von den Fesseln mit Hilfe eurer freundlichen Hände."

 Prospero spricht die Zuschauer in seinem kurzen Monolog an und bittet sie, durch die Kraft des Applauses die Bühnenrealität aufzuheben. Hier spricht nicht nur Prospero, sondern auch Shakespeare und gleichzeitig der Schauspieler, der um “Erlösung von seiner Rolle” bittet. Es geht sogar nocht weiter, die Rolle “Prospero” wird kurz danach sogar als Bürde dargestellt, die der Mime loswerden möchte: So wie ihr auf Vergebung der eigenen Vergehen hofft, mögt ihr auch mir voll Nachsicht einen Freibrief geben.

Nach diesem Text ist das Stück zu Ende, und die Anwesenden sind es, die durch das Klatschen die magische Grenze zwischen Bühnen- und Alltags-Realität aufheben müssen.

Der Schauspieler an sich darf es nicht, er kann es nicht. Seine Aufgabe ist es, im geschützten Raum des Theaters in eine andere Welt einzusteigen, das Publikum auf eine Reise zu entführen, die nur sie aufheben können.

 

Wichtig ist hier noch zu wissen, dass zu Shakespeares Zeiten ein Monolog nicht nur das Innenleben einer Rolle zeigen sollte, sondern die Zuschauer zu direkten Verbündeten des Schauspielers machte. Er teilte in diesen Worten das, was die anderen Rollen in der Bühnenrealität nicht wissen konnten oder durften. So ist der Kunstgriff, die verbündeten Zuschauer um Erlösung zu bitten, ein genialer und wichtiger zugleich.

 

Das Theater hat sich weiterentwickelt, es hat seine Form geändert. Auch die Tatsache, dass heutzutage kaum noch ein Vorhang zum Einsatz kommt, der die Vorstellung eröffnet und schließt und somit auch dem Zuschauer Eintritt in die “magische” Welt, in die Bühnenrealität gewährt, zeigt, wie sehr man sich von den Traditionen distanziert.

 

Theater hat allgemein an Magie verloren, Regisseure demontieren die Klassiker, pressen ihnen ihre eigenen Aussagen und Interpretationen auf. Die Schauspieler sprechen immer privater auf der Bühne.Das hat seine Berechtigung und muss so sein. Denn wie sich die Gesellschaft verändert, so verändert sich natürlich auch die Kunst und Darstellung.

 

Doch vielleicht kann man sich einen Funken Magie zurückholen, wenn man beim nächsten mal im Theater, sei es auf der Bühne oder im Zuschauerraum, daran denkt, dass gerade in diesem Augenblick eine fragile, luftig-leichte, kostbare “Neue Andere Welt” entsteht, die man nicht zerstören darf.

Dann wird Theater wieder ein magischer Ort, den man ganz für sich einnehmen kann.

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