Routine auf der Bühne

Gestern Abend war ich im Theater. Boulevard. Mit Kollegen / Freunden auf der Bühne, die ich seit Jahren kenne, schätze und mit denen ich selbst schon gespielt habe.
Gestern konnte ich ein Phänomen beobachten, dass mir zwar klar war, aber gestern das erste Mal richtig bewusst wurde: die Routine.
Nehmen wir das Beispiel "Boulevard": die Kollegen spielen das Stück knapp 100 Vorstellungen in der Reihe, quasi täglich - mit einem freien Tag in der Woche. Bei der Premiere ist es noch spannend zu sehen, wie das Publikum reagiert, die nächsten 10 Vorstellungen ist es noch aufregend, die Rollen zu erforschen, das Timing/die Gags noch präziser zu platzieren, den Kontakt zum Bühnenpartner zu halten.Und irgendwann merkt man, dass es läuft. Es läuft halt, irgendwie. Die Routine kehrt ein. Man macht seinen Job, professionell wird Abend für Abend das Stück gezeigt, wie ein Kinofilm, der von der einen Spule auf die andere läuft, während die Zuschauer unten sitzen und in eine andere Welt gezogen werden.
Ich selbst hatte ja meine langjährige Erfahrung mit Dinnertheater gemacht, und was ich dort gelernt habe war, selbst in Momenten, die mich zutiefst ankotzen und persönlich langweilen, Professionalität zu bewahren und routiniert das Stück am Laufen zu halten.Irgendwann merkt man, nach der 150. Vorstellung, dass der Körper automatisch seine Position einnimmt, die Stimme sich genau so hebt und senkt wie man es halt schon die letzten 149 Vorstellungen zuvor auch getan hat. Man spult es irgendwie runter.Das ist ein erschreckender Moment, der aber wie in jedem Beruf einfach dazugehört!Die Routine macht das Theater und den Schauspielberuf zu dem, was er ist: ein Beruf.
Wenn ein Chirurg bei jeder Herz-OP erneut "Lampenfieber" hat und nervös ist, dann wäre das denkbar schlecht für den, der da gerade auf dem Tisch liegt.
Als ich gestern im Publikum saß und meine wunderbaren Kollegen auf der Bühne gesehen habe, hat mich das nicht sonderlich berührt. Das Stück lief, hatte ein gutes Timing, war nett anzusehen. Aber es hat mich nicht in seine Welt gezogen.Ich habe meinen Kollegen beim Arbeiten zugeschaut. Sie nicht in ihren Rollen gesehen.Das bedeutet nun nicht, dass sie schlecht waren, sondern dass die Routine, die jeder Schauspieler kennt /kennen sollte, eingetreten ist und somit auch als solche erkennbar war.
Das restliche Publikum war, soweit ich das sehen konnte, vom Stück in dessen Bann gezogen. Sie haben gelacht, haben sich auf diese Welt eingelassen und waren gespannt, was wohl passieren wird.
Für mich war es vor allem spannend zu sehen, wie Kollegen mit ihrer Routine umgehen und ob sie ihre Rollen einfach herunterspulen oder präzise arbeiten.Und das ist ihnen gestern (zumeist) gelungen.
Die Routine macht den Meister. 

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